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Wie funktioniert die Atmung?

Unsere Atmung funktioniert autonom, ohne dass wir aktiv dazu beitragen. Wir müssen uns nicht ständig Gedanken machen, wie wir atmen oder wie oft wir atmen müssen. Die Steuerung der Atmung übernimmt unser Atemzentrum im Gehirn. Dieses sitzt im Stammhirn und reguliert die Atemtiefe, die Anzahl der Atemzüge und den Atemrhythmus.

Am Atemzyklus sind die Atmungsorgane beteiligt. Die Atmungsorgane werden auch Atemwege bezeichnet. Zu den „oberen Atemwegen“ zählen Nase, Mund und Rachen. Kehlkopf, Luftröhre und die Lunge werden als „untere Atemwege“ bezeichnet.

Bei der Einatmung nehmen wir aus der Umwelt Sauerstoff (O2) über die Nase oder den Mund auf. Die sauerstoffreiche Luft gelangt über die Luftröhre in die Lunge. In der Lunge findet ein Austausch der Atemgase Sauerstoff und Kohlendioxid (C02) statt. Dieser Gasaustausch dient der Energiegewinnung im Körper und ist lebensnotwendig. Bei der Ausatmung nimmt die Luft denselben Atemweg, nur in umgekehrter Richtung. Wir geben beim Ausatmen Kohlendioxid wieder ab und das Volumen der Lunge verkleinert sich dabei.

Ein erwachsener Mensch atmet rund 20 000 Mal am Tag. Dabei werden bis zu 12 000 Liter Luft täglich ein- und ausgeatmet. In Ruhe liegt die durchschnittliche Atemfrequenz bei Erwachsenen bei 10-15 Atemzügen pro Minute. In dieser Minute nimmt die Lunge bis zu 8 Liter Luft auf. Kinder haben eine höhere Atemfrequenz, Säuglinge atmen 30-40 Mal in der Minute.

Erkrankungen und Störungen des Atemtraktes

Es gibt eine Vielzahl an Einflüssen, die eine Atemwegserkrankung verursachen können. Schadstoffe, Viren, Bakterien, Allergien, Umweltgegebenheiten, psychische und genetische Belastungen können eine Störung oder Schädigung des Atemtraktes bewirken. Schmerzen in der Lunge oder in den Bronchien, anhaltender Husten, Auswurf, Atemnot und Atemgeräusche sind Warnzeichen des Körpers, die abgeklärt werden müssen.

Wenn sich die Atemwege verengen und dadurch das Ein- und Ausatmen erschwert wird, spricht man von einer obstruktiven Atemwegserkrankung. Eine Obstruktion (Verengung) tritt zum Beispiel bei den Volkskrankheiten Asthma und Bronchitis auf.

Doch nicht alles was pfeift und Atemnot hervorruft ist Asthma.

Ein Fallbeispiel:

Loris ist 13 Jahre alt und ist ein guter Sekundarschüler. Er lebt zusammen mit seinen Eltern und seiner 9 - jährigen Schwester in intakten familiären Verhältnissen und hat viele Freunde. Die Familie ist sportlich sehr aktiv. Loris spielt gerne Basketball, er fährt Velo und ist ein talentierter Tennisspieler. Seit einigen Monaten treten bei ihm oft plötzlich und unvermittelt Atemnotattacken auf. Er hat das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen und zu ersticken. Loris gibt das Gefühl an, als ob er Nadelstiche in der Brust hätte.

Er legt sich dann immer auf den Boden und atmet flach, bis der Anfall vorbei ist. Das kann mehrere Minuten dauern. In dieser Zeit besteht ein Sprechunvermögen. Manchmal sind auch Atemgeräusche (Pfeifen) vorhanden. Diese Atemnotanfälle treten beim Tennis- und Basketballtraining auf und wenn er mit dem Velo z. B. einen Berg hinauf fährt. Er berichtet von bis zu 8 – 10 Anfällen in der Woche, die wie aus heiterem Himmel auch in der Schule und in Ruhe auftreten.

In einer ärztlichen Abklärung wird der Verdacht auf Asthma Bronchiale gestellt. Bronchienerweiternde Medikamente wurden ausgetestet, diese haben jedoch keine Wirkung auf das Anfallsgeschehen gezeigt. Loris wird daraufhin bei einem Lungenfacharzt in einer Fachklinik vorgestellt, der eine spezifische Diagnostik durchführt. Die Lungenfunktionsbefunde zeigen keinen Hinweis auf ein Asthma. Die Ursache konnte durch eine Kehlkopfspiegelung gefunden werden. Loris leidet an einer funktionellen Atemstörung im Sinne einer Vocal Cord Dysfunction.

Unter Vocal Cord Dysfunction (VCD) wird eine Fehlfunktion der Stimmlippen (Stimmbänder) verstanden, die zu plötzlich einsetzenden Atemnotanfällen führt. Die Stimmlippen dienen der Stimmbildung und befinden sich im Kehlkopf. Bei der Einatmung öffnen sich die Stimmlippen gewöhnlich und die eingeatmete Luft kann in die Luftröhre gelangen.

Bei einer Atemnotattacke funktionieren die Stimmlippen jedoch nicht richtig. Anstatt sich beim Einatmen zu öffnen, reagieren diese paradox und verschließen sich. Diese Fehlfunktion löst bei den Betroffenen dann oft Erstickungsgefühle mit Todesängsten aus. Ein Atemnotanfall kann von einigen Sekunden bis zu mehreren Minuten dauern. Wenn dieser vorbei ist, öffnen sich die Stimmlippen wieder von selbst.

Diese funktionelle Störung tritt im Kindes-, Jugend-, und Erwachsenenalter auf. Eine VCD kann allein oder begleitend zu einem Asthma Bronchiale bestehen. Die Abgrenzung der VCD vom Asthma Bronchiale ist wegen dem ähnlichen Beschwerdebild schwierig und führt daher oft zu Fehldiagnosen. Klarheit schafft eine fachärztliche Diagnostik durch Anamnese, Videoendoskopie, Provokations- und Lungenfunktionstests.

Die Ursachen der VCD sind noch nicht geklärt. Es wird eine funktionelle Überempfindlichkeit des Kehlkopfes angenommen. Kommt es im Kehlkopf zu Irritationen oder Reizungen schließen sich die Stimmlippen zur falschen Zeit oder sie schließen sich, weil bestimmte auslösende Reize dies in Gang setzen.

Häufige Auslöser einer VCD sind

  • Starke körperliche Anstrengungen (z. B. auch bei Leistungssportlern)
  • Psychische Belastungen, Stress
  • Reflux von Magensäure
  • Verschlucken
  • Reizhusten
  • Parfüm, Einatmen von reizenden Substanzen (Reinigungs- und Lösungsmittel)


Therapie

Medikamente helfen in den meisten Fällen nicht. Eine Vocal Cord Dysfunction lässt sich jedoch durch eine Verhaltensschulung gut behandeln.

Wichtig ist, dass die Patienten nach der Diagnosestellung über das Krankheitsbild umfassend aufgeklärt werden.

Ich habe ein erfolgreiches Behandlungskonzept entwickelt, das individuell auf den Patienten ausgerichtet ist und auch sehr gute Therapieerfolge bei Leistungssportlern zeigt, die zusätzlich unter Asthma leiden. Es handelt sich dabei um eine respiratorische Verhaltenstherapie, in der die betroffenen Patienten lernen:

  • mögliche Auslöser ihrer Atemnotattacken zu erkennen und diese zu vermeiden
  • ihre Körperwahrnehmung zu schulen und Erstickungsängste abzubauen
  • Atemtechniken kennen, die in Notsituationen eingesetzt werden können und helfen zukünftige Atemnotanfälle zu vermeiden
  • Entspannungsverfahren für den Schulter- und Nackenbereich anzuwenden
  • Selbstwirksame Übungen und Techniken kennen, die hilfreich im Sport, im Beruf und in der Freizeit eingesetzt werden können.

Loris konnte durch eine respiratorische Verhaltenstherapie geholfen werden. Wie erfahren Sie in diesem Artikel.